
Konzeptkünstler, Architekt, Bildhauer, Fotograf, Blogger, Twitterer, Interviewkünstler und nicht zuletzt politischer Aktivist – das alles ist der chinesische Künstler Ai Weiwei, der in den letzten Monaten vor allem durch seine über achtzigtägige Inhaftierung durch die chinesische Regierung allgegenwärtig in der europäischen Presse und Kunstwelt wurde. Zum Schweigen hat das Ai Weiwei trotz gegenteiliger Auflagen nicht gebracht und so kritisiert er im Internet die Regierung der Volksrepublik von Neuem. Das künstlerische Wort möchte ihm nun auch das Kunsthaus Graz erteilen, das in Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur ab dem 17. September die erste große Foto- und Videoschau Ai Weiweis zeigt. Weil Dokumentation, Analyse und moderne Medien in seinem Werk eng mit seinen künstlerischen Projekten verwoben sind, würdigt die Wanderausstellung unter dem Titel „Interlacing“ den Künstler als politisches und soziales Sprachrohr, das mahnt und aufdeckt, als „Seismograph für aktuelle Themen und gesellschaftliche Probleme“.

Ai Weiwei, 10/29/04, Hebei Carpet Factory, China. Aus Blog Photographs (Blog-Fotografien), ca. 2005-2009. © Ai Weiwei.

From Fairytale (Aus Märchen), 2007 (Detail). Inkjet-Prints, je 92,5 x 92,5 cm. © Ai Weiwei.
Das Verhältnis von Kunst und Leben hat bereits unzählige Künstler beschäftigt, doch mit dem extrovertierten Social-Media-Freund Ai Weiwei scheint Kurator Urs Stahel einen Künstler gefunden zu haben, dessen Werk eine untrennbare Verflechtung bedeutet: Das Leben geht in seine Kunst ein, die Kunst findet ihren Weg in die Welt und, wie seine Haft zeigte, wirkt sie in diese maßgeblich ein. Mit ihrer Hilfe trägt der chinesische Künstler so seine Kultur in die Welt, wenn er etwa in der Londoner Tate Modern einen Teppich aus in China bemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan ausbreitet („Sunflower Seeds“, 2010) oder im Rahmen der documenta 12 1001 Chinesinnen und Chinesen nach Kassel holt („Fairytale“, 2007). Schließlich wirkt er aber auch an der architektonischen Veränderung Pekings mit, indem sein Architekturstudio FAKE Design zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron mit dem neuen Olympiastadion ein Nest und Wahrzeichen in die Stadt setzt („Bird’s Nest”, 2003). Dann wieder dokumentiert er, mal mehr, mal weniger von exhibitionistischer Rebellion getrieben, seine wechselnden Wohnorte, indem er seinen Lebensalltag als junger chinesischer Künstler in New York fotografisch einfängt oder den radikalen Wandel des Pekinger Stadtbildes, die Suche nach Erdbeben-Opfern und die Zerstörung seines Shanghai-Studios festhält.

Ai Weiwei, Dropping a Han-Dynasty Urn (Eine Urne aus der Han-Dynastie fallenlassen), 1995 (Detail). © Ai Weiwei.
Ähnlich reisefreudig wie der Künstler sind auch seine Werke, die neue globale Ausstellungsverflechtungen schaffen: Nach den Stationen Schweiz (Fotomuseum Winterthur) und Österreich (Kunsthaus Graz) wird die Schau weiter nach Frankreich (Jeu de Paume) ziehen, um dort vom 21.02. bis 29.04.2012 dem Pariser Publikum gezeigt zu werden.
Ai Weiwei: Interlacing, 17. September 2011 bis 15. Januar 2012. Kunsthaus Graz, Österreich.
Erstes Bild > Ai Weiwei, August 12, 2009. Aus Blog Photographs (Blog-Fotografien), ca. 2005-2009. © Ai Weiwei.
Text > Teresa Koester