
Wolkenstädte oder der Garten Eden? Die Wasserströme und die Pflanzen finden sich derzeit im Hamburger Bahnhof jedenfalls ebenso wieder wie transparente Gebilde, die in unterschiedlichen Größen wie Seifenblasen durch den Raum schweben, und so kann man sich derzeit tatsächlich nicht recht entscheiden, wo man sich hier befindet. Vernetzt werden diese beiden himmlischen Sphären von schwarzen Seilnetzen, die sich spinnennetzgleich zu einer raumgreifenden Installation in der Nationalgalerie des ehemaligen Bahnhofs verknoten, in der der argentinische Künstler Tomás Saraceno Himmel und Erde unter dem Titel „Cloud Cities“ ein wenig näher bringt.

Ins Netz gehen Tomás Saraceno nicht nur die vielen Pflanzen, die gefangen in Kugeln oder freischwebend inmitten eines riesigen Spinnennetzes scheinbar schwerelos in alle Höhen steigen, sondern zuweilen auch die Besucher des Hamburger Bahnhof, die bei all dem In-die-Höhe-Recken der Köpfe darauf achten müssen, sich nicht in den dynamischen Verwebungen zu verlieren. Ausgangspunkt der rund zwanzig gezeigten Arbeiten sind dabei immer Saracenos Raummodule, die als organische Raumgeflechte mal Orchideen einen Lebensraum bieten, mal von Außen begrünt oder mit trockenen Büschen vor dem Blick in ihr Inneres geschützt werden, dann wieder in allen Farben des Regenbogens erstrahlen, mit Wasserbefüllung auf dem Boden verweilen oder vollkommen eigenständig von Netzen im Raum gehalten zu werden.

Teil dieser „Biosphären“, wie er Künstler sie nennt, kann auch der Besucher werden, denn die Ausstellung lädt ausdrücklich zur Partizipation: Ihren Traum vom Fliegen können sie gewissermaßen in riesigen Kugeln verwirklichen. So laden zwei Ballons in ihre höhere Ebene zur Erinnerungen an die Hüpfburgen unserer Kindheit, um in einer von ihnen alle anderen Besucher an der Begeisterung vor allem junger Väter und ihrer Kinder teilhaben zu lassen und in der anderen Kugel zwar vor den Blicken der Außenwelt von einer Pflanzenverkleidung geschützt zu sein, dafür jedoch umso genauer aus dem spiegelnden Unterraum beobachtet zu werden.

Interaktion findet so im wahrsten Sinne des Wortes auf allen Ebenen statt: zwischen den Menschen und mit den anderen Elementen aus verschiedenen Höhen. Heilige Hallen der Kunst, Kinderspielplatz, Biolabor und Raumkapsel – die Ballons der Ausstellung „Cloud Cities“ sind auf diese Weise alles in einem. In ihrem Zusammenschluss „die dreidimensionalen Visionen einer utopischen Lebenswelt“ (Pressetext) ergebend, werden wir hier Zeuge, wie ein räumlicher Kosmos entsteht, den jeder Besucher betreten, erleben und an dessen Ausformung er sich selbst beteiligen kann.

Tomás Saraceno: Cloud Cities, 15. September 2011 bis 15. Januar 2011. Hamburger Bahnhof, Berlin.

Fotos + Text > Teresa Koester