
Anwärter auf den Titel „Unwort des Jahres“ gibt es viele. Nachhaltigkeit gehört auf jeden Fall dazu. Kaum eine Floskel wird medien- wie marketingseitig dermaßen überstrapaziert. Es wird nachhaltig produziert, nachhaltig gebaut, nachhaltig gedacht – nachhallt von alledem nur wenig. Letztlich schadet der übermäßige Gebrauch der Vokabel nur denjenigen Protagonisten der Szene, die sich mit der Philosophie von regulierbaren Systemen tatsächlich auseinandersetzen.
In der Design- und Baubranche geht seit einiger Zeit kaum noch etwas ohne Nachhaltigkeitsaspekt. Vorreiter des Konzepts in der Architektur und über den Zweifel des Opportunismus erhaben ist Matteo Thun. Der Bozener Designer und Architekt denkt nach eigener Aussage schon immer ökologisch statt egozentrisch – und das trotz seiner Sozialisation im Umfeld der italienischen Postmoderne. So findet sich in seinen Entwürfen schon früh die enge Verflechtung von durch die alpine Geografie und Wirtschaft motivierten Designs und einer Formsprache, die sich weniger großmäulig gegen die Gegebenheiten positioniert, sondern auf Einklang setzt, ohne esoterisch zu werden.

Bestes Beispiel ist die Therme Meran, deren Innenarchitektur Thun verantwortet und die trotz ihrer Monumentalität kein Fremdkörper im historischen Stadtkern blieb, sondern als moderner Kontrapunkt den Anschluss der Stadt an ihre Kurbadvergangenheit knüpfen kann. Zum Konzept des zeitgenössischen Spabetriebs gehört es, die große Parklandschaft der Außenanlagen von den Gärtner des nahegelegenen botanischen Gartens von Schloss Trauttmansdorff bewirtschaften zu lassen. Die verstehen ihr Handwerk nämlich und haben binnen zehn Jahren ein Biotop von mehreren Gärten verschiedener Vegetationszonen geschaffen. Matteo Thun hat sich im Garten auch verwirklicht: mit einer schwingenden Konstruktion, die nicht mehr – und vor allem nicht weniger – als einen Ausguck auf das Gartenreich und die ungebende Berglandschaft schafft. Mit diesem minimalen Eingriff gelingt es ihm den Blick und die Wahrnehmung zu kanalisieren – auf die Natur als schätzenswertes, eben weil auch Entertainment schaffendes Gut.

So kollektiv Thuns Anspruch im Trauttmansdorffschen Garten, so elitär ist sein Wirken im Vigilius Mountain Ressort. Doch auch hier wirkt eine subtile Konditionierung der Gäste und Besucher auf die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur. In dem 5-Sterne-Hotel herrscht eine kathartische Strenge wie in einem Kloster – nur das weder der Katholizismus gepredigt wird noch fernöstliche Mythologien, wie so oft in Wellness-Resorts derzeit. Allein die Konzentration auf die alpine Umgebung wird gepflegt. Besonders deutlich wird das in den Zimmern „nach hinten raus“. Dort geht der Blick nämlich nicht wie gewohnt von Berghütten, hinab ins Tal oder herüber zu den umliegenden Gipfeln, sondern direkt in den Wald. Panoramafenster bilden auch hier wieder den architektonischen Rahmen für eine Ansicht, mit sich die Hotelgäste auseinandersetzen sollen. Die notorischen Flachbild-Fernseher anderer Hotels existieren deshalb auch nicht in den in purer Materiallust schwelgenden Zimmern. Kontemplation auf das Wesentliche ist eben auch eine Definition von Luxus. Und eine Voraussetzung für Nachhaltigkeit!
Text & Fotos > Marcus Woeller