
Wochenendtrip mit Handgepäck versus Langzeit-Urlaub mit Kofferbergen – welcher Reisetyp auf den Einzelnen auch zutrifft, ob im Staatsauftrag oder aus persönlichem Antrieb, die Reiselust treibt Menschen schon seit jeher durch die Welt. Ebenjene differierenden Ideen und Auswirkungen des Reisens halten dank des britischen (Kunst-)Historikers und Broadcasters Simon Schama und der Government Art Collection derzeit Einzug in die Londoner Whitechapel Gallery, wo sie sich mit „Travelling Light“ nicht nur in ihren unterschiedlichsten künstlerischen Umsetzungen zeigen, sondern bis zum 26. Februar auch eine Sammlung repräsentieren, die selbst regelmäßig um die Welt reist.
Nach „At Work“ und einer ersten Zusammenstellung durch die britische Künstlerin Cornelia Parkers reiht sich nun Simon Schama, Professor für Kunstgeschichte an der New Yorker Columbia University und Urheber der fünfzehnteiligen BBC-Dokuserie „A History of Britain“, in die Reihe ein, um anhand von historischen und zeitgenössischen Kunstwerken einen ebenso umfassenden wie persönlich selektierten Einblick in unterschiedlichste Reisekonzepte, in Art und Weisen des Fernwehs sowie britische Auslandsperspektiven der letzten Jahrhunderte zu geben.
Als größte und am weitesten zerstreuteste Sammlung ist die Government Art Collection (GAC) nahezu einzigartig in ihrer Arbeit, denn etwa zwei Drittel der über 13.500 Werke aus fünf Jahrhunderten kommen weiter herum als die meisten Menschen und finden den Weg in fast jede Hauptstadt dieser Welt an die Wände britischer Regierungsgebäude, seien es Büros oder offizielle Residenzen.
Sind es sonst die Staatsrepräsentanten selbst, die gemeinsam mit der GAC die jeweilige Kunstauswahl im Zusammenhang mit diplomatischen und kulturellen Intentionen treffen, erlaubt die über hundert Jahre alte Sammlung für die gleichnamige Ausstellungsreihe „Government Art Collection“ in der Whitechapel Gallery nun ausgewählten Persönlichkeiten, ihre individuelle Favoriten in einer einzigen Schau zusammenzustellen.
Simon Schamas Selektion etwa besteht aus Gemälden, Fotografien, Prints, Installationen und Skulpturen, in denen sich die Schaffenden mit Nostalgie, National- und Heimatgefühlen, Unruhe, Unsicherheit und Fernweh sowie anderen reisebedingten Erfahrungen beschäftigen.
Stilistisch und zeitlich dabei eine große Bandbreite abdeckend, spiegeln sich in Tacita Dean eindringlicher Fotografieserie „Palast I-VI“ im damals noch nicht demolierten Palast der Republik etwa andere Berliner Sehenswürdigkeiten und greifen damit ein Gebäude in seiner Umgebung auf, das auf mehreren Bedeutungsebenen als das architektonische Symbol der DDR schlechthin galt.
Mark Edwards wiederum, der mit seiner Fotografie „Allotments, Ely, Cambridgeshire“ in der Ausstellung vertreten ist, arbeitet mit Topographie als Identitätsträger, manifestiert sich in Edwards charakteristisch britischen Landschaftsausschnitten doch immer auch ihr Bewohner und „Besetzer“. Andere Beschäftigungen mit dem Raum entführen den Besucher mittels Fotografie, Skulptur, Print und Malerei nach Israel (Ori Gersht), nach Beirut (Edward Lear), nach Dartmoor (Richard Long) oder etwa Kent (Boyle Family).
Weil Reisen in der Vergangenheit wie in der Gegenwart aber oft auch mit politischen Fragen und ihren Leitfiguren zusammenhängen, zeigen andere Arbeiten abwechslungsreiche Formen des Porträts – von einem klassischen Admiralsporträts des ausgehenden 18. Jahrhunderts (Leonardo Guzzardi) bis hin zu wesentlich abstrakteren Interieur-Figur-Arrangements der zwanziger Jahre von David Bomberg oder Bilder des ehemaligen Fernreisemittels schlechthin: dem Schiff.
In ihrer Konzeption gibt die Ausstellung „Selected by Simon Schama: Travelling Light“ so einen breitgefächerten Überblick über Reiseaspekte in einer breiten Auswahl an Techniken und Entstehungszeiten – ein Anspruch, der ebenso in Schamas persönlicher Rolle als internationaler Vermittler zwischen den Kulturen sein lebendes Äquivalent findet.
Im Anschluss werden im Rahmen der Reihe „Government Art Collection“ in der Whitechapel Gallery die Zusammenstellung der Downing-Street-Mitarbeiter ab Anfang März ausgestellt werden, um mit „Commissions: Now and Then“ vom 21. Juni bis 2. September in das Finale zu gehen.
Government Art Collection: Selected by Simon Schama: Travelling Light, 16. Dezember 2011 bis 26. Februar 2012, Whitechapel Gallery, London.
Text: Teresa Köster