
Dash Snow gehört zu jenen Künstlern, von denen eine abschreckend-anziehende, selbstzerstörerische Faszination ausgeht: Der für seine wilden Exzesse bekannte New Yorker Künstler verstarb 2009 mit gerade mal 27 Jahren an einer Überdosis Heroin. Hinterlassen hat er eine umfangreiche Sammlung Polaroids, die scheinbar jede Minute, jedes noch so intime Detail seines Lebens festgehalten haben. Eine Auswahl von insgesamt über 200 Original-Polaroids aus diesem fotografischen Archiv eines kurzen, aber schnellen Lebens zeigt derzeit die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) mit der zweiten Soloschau Dash Snows.

Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 80.16 x 67.31 x 3.63 cm / 31 1/2 x 26 1/2 x 1 1/2 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin.
Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Mehr in der Manier eines „Knipsers“, eines Hobbyfotografen, zuweilen auch eines Voyeurs statt mit bewusst-künstlerischen Ambitionen, hat Dash Snow seine Umgebung fast zwanghaft dokumentiert – immer auf der Suche nach dem nächsten Schnappschuss oder einem „Beweisfoto“ von Vertrauten, seiner Freundin Jade, seiner selbst und der gemeinsamen Tochter Secret, aber ebenso fremder Menschen und flüchtiger Bekanntschaften. Im ersten Stock von Contemporary Fine Arts belagern sie in Gruppierungen die Wände, um in ihrer Zusammenstellung ein genaues Bild dieses Lebens zu zeichnen.

Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 30.94 x 30.78 x 3.63 cm / 12 1/4 x 12 x 1 1/2 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin.
Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Obwohl Snow mehr als 8.000 der Sofortbilder archivierte, zeigte er Zeit seines Lebens nur drei Mal einzelne Werkgruppen – ein Umstand, der Dash Snows Arbeiten Anteil an einer spannenden Diskussion um Profession, Laien- und Künstlertum in der Fotografie nehmen lässt. Einerseits bedeuteten sie ihm den Eintritt in die Kunstwelt, andererseits erinnern nicht wenige seiner Bilder an solche, die wir auch heute bei The Cobra Snake, Facehunter, bei unzähligen semi-professionellen Partyfotografen oder -besuchern finden können. Was unterscheidet Dash Snow von diesen?

Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 67.31 x 55.24 x 4.11 cm / 26 1/2 x 21 3/4 x 1 2/3 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin. Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Die kleinformatigen Aufnahmen Betrunkener, Schlafender, Nackter, seiner sexuellen Exzesse und Abstürze, seiner Freunde, Geliebten oder auch von Fremden üben eine Faszination aus, der sich zu entziehen, schwer fällt. Privatsphäre und Öffentlichkeit geraten in Widerstreit; ihre Grenzen werden zuweilen schlichtweg aufgehoben. Körperlichkeit wird hier unverstellt wiedergegeben. Die präsentierte Serie „Schläfer“ etwa übertritt auch noch die letzte Grenze der Distanz und stellt die Bewusstlosigkeit der Porträtierten in harschen Kontrast zu dem Bewusstsein des Fotografen.

Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 42.85 x 42.54 x 3.63 cm / 16 3/4 x 16 3/4 x 1 1/2 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin. Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Was sich dabei offenbart, ist ein fast obsessiver Beobachtungsdrang, der in seiner Gnadenlosigkeit und Schnappschuss-Ästhetik an berühmte Vorreiter wie Andy Warhol erinnert, zugleich aber auch das Bild einer Generation im New York des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Geprägt von der Zeugenschaft des 11. Septembers 2001, scheint die Hemmungslosigkeit seiner Gruppe hier ihren Ausgang gefunden zu haben.
Mit der ihm eigenen Wachsamkeit wandte sich Dash Snow jedoch nicht nur seiner Umgebung zu, sondern ebenso den eigenen Angelegenheiten. So beleuchtet der als Ergänzung zu seinen Polaroid-Selbstporträts in der Ausstellung vorgeführte Super-8-Film „Familae Erase“, der nur ein Jahr vor seinem Tod entstanden ist, die eigenen Probleme des Fotografen, Collagisten und Installationskünstlers mit der berühmten Familie und dem Drogenproblem ebenso ehrlich.

Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 30.94 x 30.78 x 3.63 cm / 12 1/4 x 12 x 1 1/2 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin. Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Kompromisslos führte er sein Leben; konsequent spiegelt sich dieses intensive Leben an der Grenze und der Suche nach absoluter Direktheit auch in seinen Bildern wieder. „Live fast, die young“ – die Redewendung hat Dash Snow bekanntermaßen allzu wörtlich genommen. Contemporary Fine Arts gibt mit der großen Auswahl von Polaroids und dem Film einen intensiven Einblick in diese nur schwer zu erfassende Welt, in der wir stets die Rolle des außenstehenden Voyeurs einbehalten.
Dash Snow, 11. Februar bis 24. März 2012, Contemporary Fine Arts (CFA), Berlin.
Erstes Bild > Dash Snow: Untitled, 2001-2009. Polaroid. 30.94 x 30.78 x 3.63 cm / 12 1/4 x 12 x 1 1/2 in. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin.
Photo: Jochen Littkemann, Berlin.
Text: Teresa Köster