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Maskerade als Vielfalt | Cindy Sherman im MoMA

Von dem Stereotyp der Fünfziger-Jahre-Hausfrau und weiblichen Filmprotagonistinnen über die selbstbewusste Businessfrau bis hin zu historischen Porträts – für ihre Fotoserien wird Cindy Sherman zu einer Verwandlungskünstlerin, die im ständigen Wechsel, chamäleongleich, in immer wieder neue Rollen schlüpft. Ob Alter, Hautfarbe, soziale Herkunft oder Beruf, ihre fotografischen Selbstporträts erschaffen scheinbar authentische Momentaufnahmen, die sich wie ein roter Faden durch das Werk der New Yorker Künstlerin ziehen. Seit dem 26. Februar widmet das Museum of Modern Art (MoMA) einer der bekanntesten Künstlerinnen unserer Zeit eine Werkschau, die mit 171 Schlüsselfotografien aus den frühen siebziger Jahren bis heute einen umfassenden Überblick über das bisherige Werk Cindy Shermans gibt.


Cindy Sherman. Untitled #96. 1981. Chromogenic color print, 24 x 47 15/16″ (61 x 121.9 cm). The Museum of Modern Art, New York. Gift of Carl D. Lobell © 2012 Cindy Sherman


Fragen der weiblichen Identität, Rollenbilder, Sexualität und Körperlichkeiten handelt Cindy Sherman primär am eigenen Leib aus. Sich nie mit den erhobenen, mahnenden Zeigefinger begnügend, gelingt es Sherman dabei stets auf subtile und zugleich humorvolle Weise, in wechselnden Kostümierungen auf Missstände, kategoriales Geschlechterdenken und Manipulationen aufmerksam zu machen.


Cindy Sherman. Untitled #466. 2008. Chromogenic color print, 8′ 6″ x 70″ (259.1 x 177.8 cm). The Museum of Modern Art, New York. Acquired through the generosity of Robert B. Menschel in honor of Jerry I. Speyer. © 2012 Cindy Sherman

Wie unterschiedlich diese Gesellschaftskritik im Einzelnen aussehen kann, macht die hier präsentierte, thematisch angeordnete Auswahl unmissverständlich deutlich: Cindy Shermans berühmte „Untitled Film Stills“ (1977–80), die stereotype Frauenrollen Hollywoods, des Film Noir und europäischer Art-House-Filme der fünfziger und sechziger Jahre imitieren, werden in der Galerie des MoMA vollständig zu sehen sein; ebenso auch ihre Historienporträts (1988–90), die Reihe „Clowns“ (2003-04), ihre aktuellen Wandbilder und die bedeutendsten Beispiele ihrer anderen Schaffensphasen.


Cindy Sherman. Untitled Film Still #6. 1977. Gelatin silver print, 9 7/16 x 6 1/2″ (24 x 16.5 cm). The Museum of Modern Art, New York. Acquired through the generosity of Jo Carole and Ronald S. Lauder in memory of Eugene M. Schwartz © 2012 Cindy Sherman

So werden etwa ebenso ausgewählte Modefotografien aus den Jahren 1983 bis 2011 in einem Raum zusammengebracht, die einerseits mit den Regeln und ästhetischen Codes der Mode arbeiten, andererseits parallel dazu eine kritische Distanz zu dem einnehmen, was sie repräsentieren. Shermans monumentale Gesellschaftsporträts von 2008 wiederum zeigen deren Unvereinbarkeit mit der Realität, wenn sie die Erfahrungen des Alterns im Kontext von Schönheits-, Status- und Jugendwahn problematisieren.


Cindy Sherman. Untitled #264. 1992. Chromogenic color print, 50 x 6′ 3″ (127 x 190.5 cm). Courtesy the artist and Metro Pictures, New York © 2012 Cindy Sherman

Mit ihren Maskierungen nimmt Cindy Sherman unterschiedlichste Charaktere vor ihrer Kamera an – wie etwa Francesca Woodman oder Birgit Jürgenssen wird sie so zur Ausführenden und zum Objekt zugleich; wechselt spielend von der Rolle der Stylistin zu der der Künstlerin zu der des Models. Stereotype (Re-)Präsentationsweisen werden aus der Kunstgeschichte ebenso adaptiert wie aus Filmen, Magazinen, dem Fernsehen oder dem Internet und kritisieren oft nur implizit: An dem Betrachter selbst liegt es zumeist, sich nicht von der Oberfläche verleiten zu lassen, sondern sie in ihrer Zuspitzung als Geschlechterkorsette unserer visuellen Kultur zu entlarven.


Cindy Sherman. Untitled #183. 1988. Chromogenic color print, 38 x 22 3/4″ (96.5 x 57.8 cm). Courtesy the artist and Metro Pictures, New York © 2012 Cindy Sherman


Ergänzt werden die unterschiedlichen Ausformungen der Selbstporträts zudem von Shermans weitaus provozierenderen Serien wie „Disasters“ (1985-89) und „Sex Pictures“ (1992). Statt ihres eigenen Körpers arrangiert die Künstlerin hier Prothesen, anatomische Modelle, Schaufensterpuppen, verrottete Nahrungsmittel, Körperausscheidungen oder Abfall zu grotesken Studien des Verfalls oder der Sexualität.


Cindy Sherman. Untitled #131. 1983. Chromogenic color print, 7′ 10 3/4″ x 45 1/4″ (240.7 x 114.9 cm). Courtesy the artist and Metro Pictures, New York © 2012 Cindy Sherman


Kunstgriffe und Erfindungen, Kino und Performance, Horror und das Groteske, Mythen und Märchen, Gender- und Klassenidentitäten – Die große Werkschau im MoMA veranschaulicht das breite Austragungsspektrum Cindy Shermans und beweist, dass Andy Warhol mit seiner Einschätzung Recht behält: “She’s good enough to be a real actress.” –

„Cindy Sherman“, 26. Februar bis 11. Juni 2012, Museum of Modern Art, New York.

Erstes Bild > Cindy Sherman. Untitled #424. 2004. Chromogenic color print, 53 3/4 x 54 3/4″ (136.5 x 139.1 cm). Courtesy the artist and Metro Pictures, New York © 2012 Cindy Sherman

Text > Teresa Köster

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