
Figuren in Clownskostümen, mit bunt bemalten Körpern und Verkleidungen, die Gesichter entstellt, die Gliedmaßen unnatürlich in die Länge gezogen, bevölkern derzeit die Galerie Blain|Southern. Als Skulpturen schweben sie frei im Raum und füllen ihn mit ihren eingefrorenen Bewegungen, die nur darauf zu warten scheinen, sich erneut aus ihrer Starre zu lösen. Dann wieder wurden sie in die vier Kanten der Leinwände gebannt, um dort ihr Unwesen zu treiben. Die Welt des Berliner Künstlers Jonas Burgert ist vor allem eines: surreal – und doch irgendwie vertraut. Einen Auszug aus diesem fiktiv-familiären Repertoire in all seinen grellen Facetten bietet derzeit die Ausstellung „Gift gegen Zeit“ in den Räumlichkeiten im ehemaligen Tagesspiegel-Gebäude, die als erste Schau des UdK-Absolventen bei Blain|Southern nun in die Halbzeit geht.

Nicht nur der Titel, auch die Gemälde und Skulpturen selbst kreisen um die Zeit, ihr Anhalten und ihr Verstreichen, denn wie „Gift gegen Zeit“ bereits andeutet, ist der normale Fortlauf in den Werken außer Kraft gesetzt. Dort, wo die Maßstäbe des alltäglichen Lebens nicht mehr gelten, wo die allgemeine Ordnung von Zeit und Raum gesprengt wurde, bewegen sich Burgerts Figuren: In rätselhaften Umgebungen, deren Graffitis, Pop- und urbanen Elemente bekannt und fantastisch zugleich erscheinen, beginnt eine neue Zeitrechnung.

Im Fokus stehen die Einzelfiguren, um die herum sich von nun an die unzähligen Dimensionen und Schichten der Farbe aufbauen und deren Selbstbewusstsein sich in enger Verbindung mit der verwinkelt gewordenen Außenwelt befindet – sind es die Innenleben der isolierten Figuren, die hier nach außen treten und sich in Objekten, aber auch der Erscheinung der Körper widerspiegeln, oder definiert sich das Wechselverhältnis andersherum, wirkt sich erst das äußere Chaos auf das Wesen des Subjekts aus?

Statt einer Starre wohnt den Kompositionen eine mitreißende Dynamik inne. So gehen die beiden Gemälde „Suchtpuls“ und „Luft nach Schlag“ etwa einen Dialog ein, der auf Bewegung basiert: Während die erste und größte Arbeit der Ausstellung den Betrachter in einen erbarmungslosen Wirbelwind aus Aktivitäten und Charakteren hineinzieht und Größen, Farben sowie Erscheinungen unerbittlich gegeneinander prallen lässt, ist „Luft nach Schlag“ gewissermaßen mit der Ruhe nach dem Sturm ausgefüllt. Zwischen den Überresten des Vorhergegangenen ist nur noch eine einzige Figur verblieben, alleine und im Zentrum des Bildes. Mit ihr schließt sich der Kreis der Fragen nach Ort und Zeit erneut: Ist er das letzte Überbleibsel einer vergangenen Welt oder der erste Mensch in einer neuen Zeit?

Jonas Burgert: „Gift gegen Zeit“, 28. April bis 07. Juli 2012. Blain|Southern, Berlin.
Text > Teresa Köster
Alle Abbildungen:
Courtesy of Blain|Southern and the artist
Copyright Jonas Burgert
Photos: Lepkowski Studios