
Neil Young und Shepard Fairey – ein Musiker und ein Künstler, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch haben die beiden Kreativen etwas gemeinsam: Sie reflektieren in ihren Arbeiten ihre eigene (Wahl-)Heimat, die USA. Während der eine von ihnen sein Amerika musikalisch beleuchtet, verewigt sich der andere mit sozialkritischen Motiven und visuellen politischen Aufrufen überall in den Staaten, deren Kraft sein berühmt gewordenes „Hope“-Plakat bis heute zu symbolisieren vermag. Aus dieser ursprünglich nur entfernt thematischen Verbindung haben sie nun ein stabiles Gedanken- wie Werkkonstrukt geschaffen: Anlässlich der Veröffentlichung von „Americana“, Neil Youngs neuem Album mit seiner Band Crazy Horse, das amerikanische Folk-Klassiker neuinterpretiert, hat der Street Artist elf davon inspirierte Arbeiten geschaffen, die nach einer ersten Präsentation vor rund zwei Wochen vom 28. Juni an in der Perry Rubenstein Gallery in Los Angeles gezeigt werden.

Shepard Fairey: This Land Is Your Land, 2012. Mixed media (stencil, silkscreen, and collage) on canvas. 42 x 30 inches. Image courtesy of the artist and Perry Rubenstein Gallery, Los Angeles. © Shepard Fairey/OBEY GIANT ART.
Jedes Lied ein Song, so ließe sich die Idee hinter der ungewöhnlichen Zusammenarbeit des musikalischen Wandlungskünstlers und eines der derzeit wohl bekanntesten Street Artists bezeichnen. Von Tönen in Farbe umgesetzt, nehmen Songs wie „Oh Susannah“, „This Land Is Your Land“ und „Clementine“ so Form und Farbe an, wenn sie von den Ohren in die Hände Shepard Faireys wandern, um zuletzt in einer vollständigen Serie an den Wänden der Galerie zu hängen. An seinen signifikanten Stil, seine immer wieder kehrenden Motive und Ornamente erinnert Fairey dabei jedoch nur noch im weitesten Sinne. Vielmehr schlagen seine neuen Bilder einen neuen visuellen Weg ein: Sie sind sie eng verstrickt in einen Dialog mit ihren akustischen Vorbildern, der in seiner Symbiose der Sinne die Ohren und die Augen bedient und der eigenen Imagination Bildmaterial stellt.
Zollte Shepard Fairey etwa zur gleichen Zeit dem am 04. Mai verstorbenen Adam „MCA“ Yauch von den Beastie Boys seinen Tribut in derselben Stadt zeigt er mit der Ausstellung „Americana“ ein weiteres Mal, dass er mühelos von Kunst zu Politik zu Musik, ebenso aber auch innerhalb der Genres von Obama zu Occupy und von Hip Hop zu Folk Rock springen kann. Ein Interesse scheint sich bei dem OBEY-Gründer aus dem anderen zu ergeben; nichts ist potentiell darstellungswürdig. Mit Neil Young verbindet den Künstler dabei eine bereits zweijährige Verbindung, denn für den May Day 2010 schuf er bereits ein Porträt des sozialen Kommentators. Anschließend von Young gefragt, ob er das Cover und eigenständige Arbeiten zu der Musik erschaffen wolle, willigte Fairey sogleich ein.
Die Ergebnisse sind ungewöhnlich düster: Zwar werden weiterhin auf den Leinwänden die Techniken miteinander kombiniert, es wird collagiert, gedruckt und mit Schablonen gearbeitet, doch man braucht nur an seine Arbeiten, die derzeit im me Collectors Room in Berlin zu sehen sind, zurückzudenken und schon fällt die Schwere, die Melancholie von Bildern wie „Clementine“ auf, in der unklar bleibt, ob die abgebildete Frau dem Tod oder dem Leben näher ist. Andere Werke wiederum, etwa „Travel On“ und „God Save The Queen“, imitieren klassische Plakatkunst: Auf künstlich vergilbtem Untergrund blicken die Porträtierten den Betrachter an.
Was so ungewohnt auf den ersten Blick wirkt, verbindet sich jedoch im gemeinsamen Antrieb, dass Shepard Fairey nun auf neue Wege geführt hat: „I also was excited about this project because the concept of re-interpreting pre-excisting songs filtered through Neil’s unique sensibility parallels what I have often tried to do as a visual artist by building upon iconic images that are an accessible part of the cultural dialogue.“
Shepard Fairey & Neil Young: „Americana“, 28. Juni bis 14. Juli 2012, Perry Rubenstein Gallery, Los Angeles.
Erstes Bild > Shepard Fairey: Clementine, 2012. Mixed media (stencil, silkscreen, and collage) on canvas. 44 x 30 inches. Image courtesy of the artist and Perry Rubenstein Gallery, Los Angeles. © Shepard Fairey/OBEY GIANT ART.
Text > Teresa Köster