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„Graffiti = Gentrification ?!“ | PLATOON Culture Talk

Steigende Mietpreise, Verdrängung alteingesessener Bewohner bis hin zu Zerstörung alter Kieze, andererseits Kreativbrennpunkt mit berühmter Bar- und Clubkultur, Sitz unzähliger Kunstinstitutionen und urbanes Experimentierfeld für Graffiti und internationale Street Art – Berlin hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, im Positiven wie im Negativen, und verbildlicht vielerorts den Prozess der Gentrifizierung wie kaum eine andere deutsche Stadt. Verantwortlich dafür sollen immer nur Politiker, Immobilieninvestoren und Banker sein, doch treiben nicht auch die Künstler und Kreativen die Veränderung ebenso an? Sind nicht auch Street Artists und Graffitiwriter unlängst kommerzialisiert worden? Zum Nachdenken über die neue Urbanität Berlins lädt von nun an die neue Talk-Reihe der PLATOON Kunsthalle ein, in der „Kreative“ und Wissenschaftler über kontroverse Themen, Trends und Strömungen diskutieren. Premiere feierte die interdisziplinäre Gesprächsrunde PLATOON Culture Talks am vergangenen Dienstag, um unter dem provozierenden Titel „Graffiti = Gentrification ?!“ nach der Rolle von Kulturschaffenden und (ehemaligen) Subkulturen für den Gentrifizierungsprozess aus unterschiedlichen Sichtweisen zu fragen.

Schöpfer, Unterstützer, Kritiker – das offensichtliche Paradox, in dem sich auch viele Kulturschaffende in einer Metropole wie Berlin wiederfinden müssen, war Ausgangspunkt des Zusammentreffens, für das Gäste aus unmittelbar involvierten und „betroffenen“ Bereichen geladen waren: Während Street Artist Danny Doom die aktive Seite der urbanen Kunst repräsentierte, vertrat Lutz Henke vom Kunstverein Artitude e.V. und dem BMW Guggenheim Lab die institutionelle Seite, die sich jedoch bereits für die Arbeit im öffentlichen Raum geöffnet hat. Bastian Lange von der Humboldt-Universität Berlin und der Beratungs- sowie Consulting-Agentur Multiplicities steuerte einerseits, die wissenschaftliche Sicht auf die Entwicklung bei, konnte andererseits aus direkter Erfahrung von der Verdrängung sprechen, muss er doch seine Büroräume im Pfefferberg räumen. Ebenso direkter Zeuge der Gentrifizerung eines Bezirkes – in diesem Fall Kreuzbergs – ist auch Gerhard Wick, der als Besitzer des Kreuzberger Restaurants “Schlesisches Blau” und Soziologe die Kiezveränderungen von verschiedenen Seiten miterlebt und untersucht hat.

Unter der Moderation von Musikjournalistin und Sickgirls-DJane Alexandra Droener begann die Geprächsrunde mit der Frage nach der veränderten Rolle von Graffiti und Street Art, deren zunehmender Kommerzialisierung durch Firmen, aber ebenso mit Unterstützung der Künstler selbst, um im Verlauf immer mehr nach unseren eigenen allgemeinen Verantwortungen und Möglichkeiten der Unterbindung zu fragen.

Danny Doom bestätigte gleich zu Anfang das Grundgefühl, dass Street Art auch aus Sicht der Künstler unlängst kommerzialisiert sei, betonte aber er gleichzeitig die positiven Nebeneffekte dessen: Während Graffiti und Street Art früher allgemein abgelehnt wurden, genössen sie heute in der Öffentlichkeit eine immer größere Akzeptanz. Gleichzeitig böten sich den Künstlern immer mehr neue Kommunikationsmittel: Smartphones, Facebook und andere Plattformen ermöglichen das Dokumentieren sowie Teilen von Werken und schaffen Diskussionsplattformen. Die gestiegene Anerkennung jener urbanen Kunstformen bestätigte auch Lutz Henke, doch sah er ihre Nutzbarmachung durch Firmen weitaus kritischer als Doom – Graffiti hätte keine Kraft, eine Verdrängung aufzuhalten, weshalb sie sich im System arrangieren müsse, ausgehend von der Frage: Was kann Kunst innerhalb des Kapitalismus noch bewirken und verändern?

Aus der Sicht des Soziologen wies Gerhard Wick zu Beginn darauf hin, dass Veränderung und ein Austausch der Bewohner in Städten ein normales Phänomen seien, vor allem in einer Stadt wie Berlin. Entscheidend sei vielmehr die Weite der Gentrifizierung. Wenn es zum Entzug von Lebensraum komme, dann müsse allerdings von Kunst und Politik gleichermaßen sowie gemeinschaftlich eingeschritten werden. Anknüpfend an diese Forderung, vertrat auch Bastian Lange, der unter den Gästen fraglos die stärksten, aber auch klarsten Vorschläge beisteuerte, die Ansicht, die Kulturschaffenden Berlins sollten sich an “traditionellen Organisationsmodellen” orientieren. Auf die Bündelung der Kreativen und Künstler, auf die Schaffung von Gemeinschaften und Kreativ-Lobbys komme es an, denn irgendwann müsse sich jeder fragen: “Wieviel Wandel wir ertragen?”

Für die zweite Runde der PLATOON Culture Talks wird im kommenden Monat das Thema „Culture and Brands“ diskutiert werden.

PLATOON KUNSTHALLE Berlin, Schönhauser Allee 9.

www.platoon.org

www.sickgirls.de

www.itisalwaysdoomsday.com

www.multiplicities.de

www.artitu.de

www.bmwguggenheimlab.org

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