
Auf den ersten Blick handelt es sich lediglich um einen großen Holzcontainer in einer gläsernen Ikone der Klassischen Moderne. Von seiner Rückseite jedoch gibt der titelgebende Quader sein Innenleben preis, das im doppelten Wortsinne im Zentrum von Paul McCarthys Werk „The Box“ steht: Das um neunzig Grad gedrehte Atelier des britischen Künstlers. Was ehemals Boden und Decke war, befindet sich nun an den Wänden – mitsamt der Einrichtung und hunderten Gegenständen aller Größen. Von Tischen bis zu den kleinsten Utensilien, Paul McCarthy hat akribisch gearbeitet. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin können sich seit dem 06. Juli alle Besucher selbst ein Bild davon machen.

Bekannt geworden mit seinen provozierenden, oftmals gesellschaftskritischen Arbeiten, ließ Paul McCarthy sich seither niemals festlegen – auf keine Technik, ebenso wenig auf einen bestimmten Stil. Von Zeichnungen über Aktionen, Performances, Videos sowie Filme bis hin zu Installationen und Skulpturen, der amerikanische Künstler wechselt seit den sechziger Jahren mühelos zwischen den Techniken. Thematisch wird aus der Vielfalt jedoch schnell ein stimmiges Werk: Alle Beschäftigung kreist um sein Heimatland. Für seine aktuelle Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie hat der Künstler seinen Fokus jedoch verengt. Statt der fünfzig Bundesstaaten sind es lediglich einige Quadratmeter, in denen die Vereinigten Staaten nur noch indirekt Eingang finden. Vielmehr ist „The Box“ eine fast bühnenartige Raumcollage, die einen sehr persönlichen Einblick in das Leben und Arbeiten eines Künstlers gibt, der zu den einflussreichsten seiner Zeit zählt.

In gedrehter Lage präsentiert sich dem Besucher dessen Atelier in jenem Zustand, in dem es sich befand, als Paul McCarthy 1999 beschloss, sein Studio zu einem Kunstwerk zu erheben – ähnlich seinen Kulissen, Videomaterialien und Fotografien, denen der Künstler nach Ende seiner Performances einen Kunststatus zuerkennt. Über 3.000 Objekte füllen das Innere der Kiste, deren äußere Seiten so unscheinbar wirken. Geräte, Werkzeuge, Kisten, alte Filmbänder und Videos stapeln sich auf Tischen, als habe der Künstler sie soeben erst liegen gelassen, in Eile, ohne einen letzten ordnenden Blick vor dem Verlassen des Raumes. Einerseits auf diese Weise zu einem Charakterbild der Person werdend, verweisen die einzelnen Gegenstände andererseits auf die unterschiedlichen Perioden im Werk Paul McCarthys. Verwiesen wird auf das gesamte umfangreiche Werk, von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Der Blick in das Atelier – ein immer wiederkehrendes Thema der Moderne – formt sich in „The Box“ zu dem Porträt eines schonungslosen Künstlers, der bereit ist, alles offenzulegen. In Anbetracht der Drehung erhält der Raum zugleich eine surreale Wirkung, die ihn von der Wirklichkeit ent-rückt. Das Persönlichste des künstlerischen Entstehungsprozesses – der Ort der Kreativität und der Kunstwerkproduktion – öffnet sich für die Öffentlichkeit, um gleichzeitig mit der Ahnung zu spielen, der Betrachter tappe hier in eine wohlüberlegte Inszenierung: Ist der Raum tatsächlich das offengelegte „Gehirn“, wie McCarthy sein Studio einst betitelte, oder nicht vielmehr ein bewusstes Arrangement, eine den voyeuristischen Blick steuernde Nachbildung?

Paul McCarthy: „The Box“, 06. Juli bis 04. November 2012, Neue Nationalgalerie, Berlin.
Text & Bilder: Teresa Köster