
Mit einer unerschütterlichen Konsequenz arbeitet die niederländische Fotografin Rineke Dijkstra an Einzelprojekten: Mütter kurz nach der Entbindung, denen man ihre Erschöpfung noch an jeder Faser des Körpers ablesen kann und die die letzten, blutigen Spuren der Geburt noch an sich tragen; Toreros, Fremdenlegionäre sowie Jugendliche am Strand, die teils in unsicherer Pose, teils in selbstbewussten Haltungen vor der Kamera eingefangen werden. Das Licht, die Umgebung, die Figuren selbst – ob in außergewöhnlichen Kontexten wie einer Geburt oder in der Freizeit am Strand, die Porträtierten werden in den Arbeiten von Rineke Dijkstra in ungefilterter Weise so wiedergegeben, wie sie sich zu geben entscheiden. Noch bis zum 08. Oktober gibt das Solomon R. Guggenheim Museum in New York unter dem Titel „Rineke Dijkstra: A Retropsective“ einen Überblick über das Werk der Künstlerin.

Rineke Dijkstra. Omri, Givatti Brigade, Golan Heights, Israel, March 29, 2000 – Chromogenic print, 140 x 112.5 cm. Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York and Paris. © Rineke Dijkstra.
Bereits seit den frühen neunziger Jahren wächst das komplexe Oeuvre, das neben den Fotografien ebenfalls Videoarbeiten beinhaltet, an. Worauf sich Rineke Dijkstra dabei beruft, ist eines der ältesten Genre der Kunstgeschichte: das Porträt. Wenngleich untrennbar von der jahrhundertelangen Tradition des menschlichen Bildnisses, gelingt der Künstlerin dennoch eine mühelose Neuinterpretation, die an große Fotografen wie August Sander erinnern. Nicht aber altmodisch, sondern zeitlos sind die Fotografien, die durch ihre Linse entstehen, um lediglich anhand der Kleidung zeitliche Verortungen zu ermöglichen.

Rineke Dijkstra: A Retrospective. Installation view: Rineke Dijkstra: A Retrospective, Solomon R. Guggenheim Museum, June 29–October 8, 2012. Photo: David Heald © Solomon R. Guggenheim Foundation.
Für die Schau „Rineke Dijkstra: A Retrospective“ hat das Solomon R. Guggenheim Museum in Zusammenarbeit mit dem San Francisco Museum of Modern Art repräsentative Beispiele aus den wichtigsten Serien ausgewählt, die in den mehr als zwanzig Jahren entstanden sind. Mehr als siebzig Farbfotografien und fünf Videoinstallation bespielten so zunächst die Ausstellungsräume in San Francisco, um nun in New York die Museumswände zu füllen. Vertreten sind etwa die oben genannten „Beach Portraits“ von jugendlichen Strandbesuchern, die zwischen den Jahren 1992 und 2002 in Hilton Head, South Carolina, Polen und der Ukraine von Dijkstra aus einer niedrigen Perspektive aufgenommen wurden und so eine erstaunliche Monumentalität erlangen. Kurz nach Momenten der größten Anstrengung und Konzentration zeigen weitere Serien von Müttern und Stierkämpfern die Dargestellten in Momenten der Erschöpfung, aber auch der Erleichterung. Andere Serien konzentrieren sich auf nur eine Person, die über die Jahre hinweg fotografisch dokumentiert werden. Videoarbeiten wie „The Buzz Club, Liverpool, UK/ Mystery World, Zaandam, NL“ (1996–97) oder „The Krazyhouse (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee), Liverpool, UK“ (2009) erweitern die Studie jugendlichen Habitus’ auf eine größere Gruppe von Clubbesuchern, die vor der Kamera zu ihrer Lieblingsmusik tanzen.

Rineke Dijkstra. Hilton Head Island, S.C., USA, June 24, 1992. Chromogenic print, 117 x 94 cm. Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York and Paris. © Rineke Dijkstra.
Aufgehellt von dem Blitz ihrer Kamera, haftet Dijkstras großformatigen Aufnahmen eine Nüchternheit an, die den Dargestellten den Eindruck größtmöglicher Authentizität verleihen. Meist in der Ganzkörperansicht richtet sich der Fokus einzig auf die jeweiligen Porträtierten. Trotz der Serialität ihrer Arbeiten, stehen Rineke Dijkstras Figuren nie primär für eine Gruppe oder Kategorie, sondern als Individuen, die zwar mit anderen durch ihre jeweiligen Kontexte verbunden sind, zweifellos jedoch ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Nicht immer alltäglich Motive, wohl aber nie inszenierte, sondern überraschend intime Ansichten finden sich auf diese Weise in ihrem Werk, das auf jegliche Illusionsbildung verzichtet. Nichts in der Umgebung lenkt von den Dargestellten ab, definiert jedoch ihre Umstände. Vielmehr wie spontan „aus dem Leben gegriffen“ scheinen Dijkstras Bilder von Jugendlichen, die vor einer Meerkulisse in ihre Kamera blicken, von Frauen kurz nach der Entbindung, die schwach und stark zugleich erscheinen.

Rineke Dijkstra. The Buzz Club, Liverpool, England, March 3, 1995. Chromogenic print, 110 x 88.5 cm. Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York and Paris. © Rineke Dijkstra.
„Rineke Dijkstra: A Retrospective“, 29. Juni bis 08. Oktober 2012, Solomon R. Guggenheim Museum, New York.
Erstes Bild > Rineke Dijkstra. The Krazyhouse (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee), Liverpool, UK, 2009. Four-channel HD video projection, with sound, 32 min., looped
Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York and Paris. © Rineke Dijkstra.
Text > Teresa Köster